Der 9. November 1989 – Antje Koller

Zum Jahrestag des Mauerfalls folgt nun die Geschichte unserer Autorin Antje Koller, wie sie den Tag am 09. November vor 30 Jahren miterlebt hat. Damals war sie blutjunge 20 Jahre alt, lebt heute im schönen Niedersachsen und gehört seit 2018 unserem Autorenzirkel an. Herzlichen Dank für deinen langen Text für unsere gemeinsame Homepage.

Der 9. November 1989, wenn ich zurück denke, dann fällt mir als erstes ein, dass ich zu dieser Zeit in Leipzig war. Ich hatte kurze Zeit vorher ein Fachschulstudium an der FS für Gaststätten- und Hotelwesen begonnen.

An jenem geschichtsträchtigen Donnerstag bin ich nach dem Unterricht in unsere herrliche uralte, wenn auch ein wenig baufällige Villa gefahren, in der ich im ersten Studienjahr ein Internatszimmer hatte. Die anderen drei Mädels, mit welchen ich mir das Zimmer teilte, waren noch unterwegs. Deshalb nutzte ich die Zeit um ein wenig zu schlafen, ehe ich dann direkt in ein Leipziger Plattenwerk fuhr. Im Rahmen der sozialistischen Hilfe hatte ich dort Nachtschicht. Wir halfen bei der Kantinenversorgung des Betriebes, denn es herrschte chronischer Personalmangel. Ich nutzte diese Möglichkeit nur zu gern, um mir neben meinem dürftigen Stipendium ein wenig Geld zu verdienen. Klar, wenn man bedenkt, dass ich für das Internat, nur ganze 5 Mark im Monat bezahlte, waren 200 Mark recht viel Geld. Aber da waren die Heimfahrten am Wochenende, der wöchentliche Studentenclub und vieles mehr und auch noch die ganz normalen Bedürfnisse eines jungen Menschen.

Auf jeden Fall war ich um 18.53 Uhr, als Günther Schabowski die Grenze als geöffnet erklärte, mitten im dicksten Stress. Es waren hunderte von Arbeitern zu versorgen und während unserer Schicht wurde jede Hand gebraucht. Statt einem Radio dudelte in der Küche ein alter Kassettenrecorder und niemand von uns ahnte auch nur, was in unserem Land gerade Unfassbares geschah.

Klar hatte ich in Leipzig längst die Montagsdemos hautnah mitbekommen und einen Monat vorher arbeitete ich einige Tage in Berlin direkt unter dem Alexanderplatz. Als ich am 7.Oktober nach Schichtende von unten herauf kam, war dort gerade die riesige Protestdemo zum 40.Jahrestag der DDR gestartet, während die Regierung im Palast der Republik ihr großes Festbankett veranstaltete. Überall standen Polizei und Militär und hatten scharfe Waffen bereit. Ich gebe zu, ich war ein Angsthase und verlies so schnell ich konnte den Platz des Geschehens. An jenem Tag und den darauf folgenden Wochen hätte jederzeit ein Pulverfass zum explodieren können. Dass alles so friedlich verlaufen ist, grenzt für mich noch heute an ein Wunder.

Aber zurück zum 9. November. Trotz all der Ereignisse zuvor, mit einem Mauerfall rechnete wohl zu dieser Zeit niemand. Jedenfalls beendeten wir ahnungslos unsere Schicht. Dann setzte mich ein Arbeitskollege am Internat ab und ich fiel für eine Stunde in mein Bett. Als dann der Wecker schrillte und wir Mädels uns auf die Fahrt zur FS vorbereiteten, erzählten mir die anderen aufgeregt vom Mauerfall. Ich hielt es zuerst für einen Scherz. Doch als wir in der Straßenbahn waren und die Leipziger kein anderes Gesprächsthema hatten, wurde mir klar, dass es tatsächlich stimmte.

Ich war fassungslos und ja, auch ein wenig beunruhigt. Keiner wusste, was da kommen mochte und wie das alles weitergehen würde. Dennoch erfüllte mich ein Glücksgefühl, denn natürlich dachte ich auch an liebe Verwandte, von denen wir über Jahre durch den eisernen Vorhang getrennt waren. Mein Onkel war mit seiner Familie vor einigen Jahren in den Westen ausgereist. Seither hatten wir nichts mehr voneinander gehört. Ich hatte zuvor ein recht enges Verhältnis zu meinen Cousinen und meinem Cousin. Dann war da noch eine der vielen Schwestern meiner Oma, meine absolute Lieblingstante, die viel zu selten zu Besuch in den Osten kam. Ja, dass man plötzlich tatsächlich über die Grenze konnte, das bewegte mich total. Aber so wirklich glaubte ich es erst, als der Unterricht an diesem Tag gekürzt wurde und wir zu weiteren Arbeitseinsätzen geschickt wurden, um dort auszuhelfen, wo andere einfach nicht zur Arbeit erschienen, sondern statt dessen über die Grenze fuhren um diese ungeheuerliche Freiheit zu nutzen, die wir nie für möglich gehalten hatten. Am Abend saßen wir Mädels gebannt im Fernsehzimmer und schauten uns die Ereignisse in den Nachrichten an.

Auch am darauf folgenden Wochenende arbeitete ich. So konnte ich erst anderthalb Wochen später zum ersten Mal mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester die Grenze überqueren. Wir fuhren nach Bayreuth, wo wir von wildfremden Menschen auf das Herzlichste empfangen wurden. Das Gefühl, welches mich dann erfasste, kann ich bis heute nicht so recht beschreiben. Aber ich weiß noch, dass meine Eltern ziemlich ängstlich waren, dass sich die Grenze plötzlich wieder schließen und uns der Weg zurück versperrt sein könnte.

Niemals hätte ich damals geglaubt, dass ich viele Jahre später meine große Liebe im Westen Deutschlands finden und hier eines Tages heimisch sein würde. Auch wenn es in einigen Köpfen nach all der langen Zeit immer noch Mauern gibt, ich bin sehr froh, dass sie nicht mehr da ist und möchte sie auch nicht wieder habe. Freiheit ist ein noch viel kostbareres Gut, wenn man weiß wie es ist, wenn man sie nicht hat…

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