Mein Erlebnis am Tag als die Mauer fiel – 09./10. November 2019 – Hans-Jürgen Engelmann

Autor Hans-Jürgen Engelmann, 84 Jahre alt, hat seine Erlebnisse zum Mauerfall 1989 niedergeschrieben. Diesen wunderbaren Text mit dem Titel „Mein Erlebnis am Tag als die Mauer fiel“ hier in diesem Extrabeitrag veröffentlicht. Herzlichen Dank für deine Erzählung!


„Damals war ich bei einer Peiner Firma angestellt, die in Gorleben untersuchen sollte, ob der unter Gorleben liegende Salzstock für ein Endlager für radioaktive Abfälle geeignet sei. Es existierten untertage schon Strecken, die man durch einen Schacht befahren konnte. Ich war damals u.a. Zuständig für die Public Relation im Ausland für unsere Firma. Dazu gehörte auch die Betreuung ausländischer Institutionen, Firmen oder Interessenten, die unser Projekt vor Ort besichtigen wollten. Für den 9. November 1989 hatte sich eine Delegation unserer Schwesterinstitution ONDRF angesagt. Es fand am Nachmittag eine Besichtigung mit anschließender Diskussion statt. Die belgischen Gäste wurden natürlich in einem Hotel in Gartow bewirtet. Wir aßen und tranken auch reichlich Wein, denn ich übernachtete im gleichen Hotel, wie die Belgier. Da ich als ich in meinem Hotelzimmer kam, war ich zu müde, um noch den Fernseher an zu schalten, so verschlief ich die ersten Bilder aus Berlin. Am nächsten Morgen frühstückten wir noch zusammen, aber ohne Nachrichten zu hören. So setzte ich mich unwissend ins Auto und fuhr nach Peine zurück. Damals war ein Wettbewerb unter uns Gorleben Fahrer, welcher Weg der schnellere sei, entweder über Uelzen, Gifhorn oder direkt an der Grenze entlang über Bad Bodenteich und Clenze. Ich bevorzugte damals die Strecke an der Grenze entlang. Als ich auf der Strecke von Lüchow nach Clenze fuhr, kam mir ein Trabi entgegen, betätigte die Lichthupe und hupte mich an. Ich dachte: Spinner, dann kam noch ein Trabi und noch einer. Nun fing ich an stutzig zu werden, hast Du gestern zu viel getrunken, dass Du aus Versehen in die DDR gekommen bist oder waren die Trabis Halluzinationen? Ich schaltete das Autoradio ein und hörte, dass in Berlin in der letzten Nacht die Mauer geöffnet wurde. Die entgegen kommenden Trabis nahmen eher zu als ab. Ich wusste in der Nähe ist ein regionaler Grenzübergang nämlich Bergen / Dumme, also fuhr ich dorthin. Ich sah, dass der Schlagbaum oben war und die Leute aus der DDR auf unsere Seite strömten und die Vopos zuschauten. Ich stieg aus und ging in Richtung des Schlagbaums. Plötzlich umarmten mich wild fremde Menschen und strahlten mich an und von den Frauen bekam ich Küsse auf meine Wangen. Alle hatten Tränen in den Augen, mich eingeschlossen oder weinten vor Freude. Dann sah ich, dass die Be-wohner von Bergen (auf der westlichen Seite) Essen und Trinken anschleppten. Es begann eine riesenhafte Party. Ich musste mich wegschleichen und fuhr snurstracks nach Hause. Meine Frau verfolgte im Fernsehen die Ereignisse in Berlin. Wir freuten uns mächtig, fielen uns um den Hals und heulten wie Schlosshunde. Ein paar Tagespäter fuhr ich mit dem Auto über die Transitstrecke nach Berlin. Als ich zum Kontrollpunkt Marienborn kam, musste man noch durch die Abferti-gung fahren, aber es kontrollierten keine Vopos mehr. Ich saß hinter mein Lenkrad und konnte auch jetzt meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Endlich war mein Traum in Erfüllung gegangen ohne die schickanösen Kontrollen in meine Geburtsstadt zu fahren.“


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